Geschwister – eine alte Wunde

Anneliese und Gerda sind Schwestern, beide über 70 Jahre alt. Obwohl ihre Gesichter von einem gelebten Leben erzählen, existiert zwischen ihnen bis heute eine unsichtbare Trennlinie. Anneliese war in ihrer Kindheit die ruhige, pflichtbewusste Tochter, während Gerda laut und fordernd war – stets auf der Suche nach Nähe, die sie so schmerzlich vermisste. "Du warst immer Papas Liebling", hallte Gerdas Vorwurf durch die Jahre, ob bei Familienfesten oder am Telefon.

Die Jahre vergingen, die Vorwürfe blieben. Mal laut, mal leise, oft verborgen in einem Blick oder einem verletzenden Halbsatz. Sie gründeten eigene Familien, bauten Karrieren auf und wurden Großmütter. Doch der Schmerz der Kindheit und das Gefühl der Ungerechtigkeit blieben in Gerdas Herzen zurück. Was sie über all die Jahre nicht erkannten: Jeder Streit entblätterte ein Stück Nähe, und jedes Schweigen war eine verlorene Chance auf Verbundenheit. Aus einer einstigen Quelle von Trost entwickelte sich eine Beziehung voller Misstrauen und Distanz.

Was wäre, wenn Gerda endlich den Mut fände, sich ihrer alten Wunde zu stellen? Nicht um Anneliese zu beweisen, wie falsch sie lag, sondern um sich selbst heilen zu können. Nicht um Schuld zuzuweisen, sondern um zu verstehen, warum der Schmerz so tief sitzt.

Diese Geschichte berührt dich vielleicht, weil auch du eine solche unsichtbare Trennlinie zu deinem Bruder oder deiner Schwester spürst. Oder weil du dich in den Gefühlen von Anneliese oder Gerda wiederfindest. Manchmal ist der erste Schritt zur Heilung der Wunden von einst, hinzusehen und zu verstehen – ohne zu verurteilen.

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